Wer hat Angst vorm Hamsterrad?

Die Antwort auf die Frage “Wer hat Angst vorm Hamsterrad” ist ein wenig ernüchternd. Wie in dem alten Kinderspiel “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” rufen alle sehr laut die gleiche Antwort:

Niemand.

Und hier offenbart sich das Problem, das keiner wahr haben will. Niemand hat “Angst” vor dem Hamsterrad. Niemand hinterfragt es ernsthaft. Niemand stellt die Gesetze des Hamsterrades infrage. Niemand denkt sich, dass es sehr traurig ist, den Großteil seines Lebens etwas zu tun, was keinen Sinn macht, keinen Spaß macht, keine Bedeutung hat oder dich deiner Bestimmung nicht näher bringt.

Ich bin nämlich der Meinung, dass jeder Mensch eine Bestimmung hat. Auch du. Und dass du es verdient hast, diese Bestimmung, diesen Sinn, diese Leidenschaft zu finden. Jeder hat eine Bestimmung und jeder kann mehr als einfach nur existieren. Und es ärgert mich und macht mich traurig, dass unsere Gesellschaft unzählige Möglichkeiten gefunden hat, dich von deiner Bestimmung, deinem Sinn abzulenken und dich dazu bringt etwas zu tun, was keine Bedeutung für dich hat.

Ich wiederhole es nochmal, weil es mir so unsagbar wichtig ist:

Jeder Mensch hat eine Bestimmung.
Und auch jeder Mensch hat das Recht diese zu finden.

Nur sagt uns das Hamsterrad klipp und klar eines:

“Das geht nicht so leicht, wie du dir das vorstellst. Komm lieber zu mir, drehe ein paar Runden und du wirst merken, bei mir hast du es besser. Deine Bestimmung, deine Leidenschaft ist doch nur ein Hingespinst, nur ein dummer Kindertraum, der doch ohnehin nicht in Erfüllung geht. Du brauchst keine Angst haben. Bei mir, in deinem ganz persönlichen Hamsterrad ist alles gut …”

Warum du keine Angst vor dem Hamsterrad hast:

Das Hamsterrad gibt Sicherheit.

Der Weg ist vorgezeichnet. Es gibt dort keine Überraschungen. Komm doch einfach 5 Mal pro Woche mindestens 8 Stunden bei mir vorbei. Ein Ritual ist so etwas Wichtiges und Sicheres. Hier ist das gewohnte Umfeld, dein Schreibtisch, deine Kollegen, die Meetings, deine Forecasts und Reports, dein Chef, dein Aufgabenbereich. Das Unternehmen denkt für dich. Es sagt dir, was du anziehen sollst, wie du dich am Telefon melden sollst, wie du an deine Arbeit herangehen sollst, was gut und was schlecht ist, wer Freund und wer Feind ist, wann du eigenständig denken darfst und wann du es gefälligst zu lassen hast. All das führt dazu, dass es keine Überraschungen gibt. Ist das nicht wundervoll, wenn du keinen Schritt links oder rechts gehen kannst, somit kommst du nicht auf ungewisses Terrain und deine Wohlfühlzone muss auch nicht ausgeweitet werden. Sehr bequem und vor allem sehr sicher. Das Hamsterrad checkt schon alles für dich!

Alle tun es, also kann es nicht falsch sein.

Wenn du dich so in deinem Freundes- und Verwandtenkreis umsiehst, so tun es alle genauso wie du. Also muss das schon richtig sein. Wenn es für so viele passt und so viele Menschen gehorsam ihre Runden drehen, dann ist das vollkommen OK. Sind wir doch mal ehrlich: Die ganze Welt funktioniert so. Es ist nun mal so und irgendeinem absurden Traum zu folgen, der von Selbstbestimmung oder etwas von Bedeutung tun faselt, ist sicher keine gute Idee. Und alle um dich herum finden es manchmal besser und manchmal schlechter in ihrem Hamsterrad. Wenn es tatsächlich so furchtbar wäre, hätten doch schon viel mehr Menschen das Handtuch geworfen und das Hamsterrad verlassen. Es sind noch sehr sehr viele da, also bleibst du auch drin. Das System Hamsterrad ist schon richtig.

Das Hamsterrad bezahlt deine Rechnungen.

Egal ob du mal krank warst, manchmal ein wenig unmotiviert bist, weniger Leistung abgeliefert hast, also einfach menschlich warst, das Hamsterrad drückt ein Auge zu und überweist dir am Ende des Monats trotzdem die vereinbarte Kohle. Somit ist es ein guter Kumpel. Weil du kannst nicht immer volle Leistung bringen. Du bist ja ein Mensch. Und dein Hamsterrad ist eben sehr sozial denkend und toleriert deine Höhen und Tiefen. Oh, mein Gott: Stelle dir mal vor, dass du selbst dafür zuständig bist, also von dem, was du tust, was du entscheidest, was du anfängst oder auch lässt, von deinen eigenen Entscheidungen abhängig bist. Und daraus resultierend auch die Verantwortung trägst, was am Ende des Monats an Geld da ist. Einfach etwas selber tun, ohne dass der Chef vorwurfsvoll auf die Uhr sieht, wenn du 10 Minuten zu spät kommst, ohne dass eine fremdbestimmte Deadline näher rückt, ohne dass du Kennzahlen erreichen musst, den irgendein Unbekannter im Headquarter sich ausgehirnt hat. Ohne dass du etwas tust um andere wohlhabend zu machen, sondern dass du etwas tust, um dich wohlhabend zu machen (finanziell und ideell). Nein, das ist doch völlig undenkbar. Super, dass dieses Hamsterrad diese ganzen Vorteile für uns erfunden hat und uns am Monatsende ohne viel zu fragen Geld rüber schiebt. Manchmal vielleicht ein wenig unfair, weil es nicht sieht, wie du dich abrackerst, aber das Hamsterrad kann ja nicht allwissend sein. Im Prinzip ist das Hamsterrad schon toll.

Das Hamsterrad funktioniert seit vielen Jahren.

Jetzt mal ehrlich. Unsere Eltern und sogar Großeltern waren schon drin und denen hat es ja auch nicht so sehr geschadet. Wir können eigentlich schon von einer guten alten Familientradition sprechen. Also warum etwas, dass seit jeher nahezu rund läuft, (die paar Burn Out Fälle und die Handvoll Menschen, die ein Leben lang im Job unglücklich sind, kann man getrost ignorieren) plötzlich ändern. Vielleicht bekommt dann die ganze Welt eine Schieflage? Stell dir vor, du bist daran schuld, dass unser ganzes System nicht mehr funktioniert, nur weil du beschließt, etwas zu tun, was du gerne machst und für dich Bedeutung hat. Was für ein Horror-Gedanke. Und die ganzen Erklärungen, bis deine Eltern oder viele andere Hamsterrad-Insassen das verstanden haben, warum du da jetzt eine Schnapsidee wie berufliche Selbstbestimmung leben willst. Das ist keine gute Idee. Dieses Hamsterrad-Ding ist jahrzehntelang geprüft, hat ein paar Schwächen, aber was soll’s.

Das Hamsterrad kann es halt nicht immer jeden recht machen. Die wenigen Kollateralschäden sollen nicht darüber hinweg täuschen, dass das Hamsterrad das Beste ist, was wir haben. Einfach ein perfektes System, wie die Matrix:

Wir müssen inständig hoffen, dass alles so bleibt, wie es ist!

Hoch lebe das Hamsterrad!
Hoch lebe das Hamsterrad!
Hoch lebe das Hamsterrad!

Puh, ganz ehrlich:
Ich glaube, dass ein wenig Angst vor dem Hamsterrad gar keine schlechte Idee ist …


Lass es dir gut gehen

Markus Unterschrift

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Ehrlichkeit das Leben einfach macht.

17 Kommentare, sei der nächste!

  1. Guten Morgen, Markus!

    Welche Laus ist dir über die Leber gelaufen, bevor du diesen Artikel geschrieben hast?

    Schon klar, auch ein Markus Cerenak kann nicht immer gut gelaunt sein und supermotivierende Blogartikel schreiben, aber den hier finde ich krass. Ehrlich gesagt fühle ich mich sogar auf den Schlips getreten.

    Es gibt sehr viele Menschen, die Angst vor dem Hamsterrad haben, und ich kann jeden einzelnen damit verstehen. Man sollte meinen, es sei so einfach, nur einen Schritt seitlich raus aus dem Rad statt geradeaus weiter und immer rund. Aber zumindest für mich war und ist es immer noch nicht einfach, diesen Schritt getan zu haben.

    Natürlich, ich habe sehr viel Schönes dazugewonnen durch diesen Schritt, aber mit dem Schlechten auch Schönes verloren. Zum Beispiel ein gutes Verhältnis zu meiner Familie. Und diese Entscheidung zu treffen, also bei meiner Familie zu bleiben oder ohne Rücksicht auf Verluste meinen Weg einzuschlagen, das war bisher die schwerste Entscheidung, die ich getroffen habe. Und trotzdem gehe ich meinen Weg weiter, eben weil ich absolut keinen Bock habe, mich vom Hamsterrad einlullen zu lassen. Weil ich etwas Nachhaltiges schaffen, die Welt verändern, träumen und diese Träume verwirklichen will. Ohne Hamsterrad, in Freiheit!

      1. Ich sollte wirklich keine Blogs lesen und Kommentare abgeben mit Erkältung und vernebeltem Kopf. Tut mir Leid, klassischer Fall von Fehlinterpretation und übermäßigem Kommentierungsdrang. ;-)

  2. Hello Markus,

    Vielen dank für diesen tollen Beitrag. Ich lese seit einiger Zeit deinen Blog und höre auch deinen Podcast und bin einfach nur dankbar dafür das es dich gibt ;)

  3. Super geschrieben! Dein “Lob des Hamsterrads” trifft’s auf den Punkt. Beim Lesen hab ich mich mehrmals dabei ertappt, dass das genau meine Gedanken und Ängste sind. Und die halten mich zurück… noch.

  4. Lustigerweise habe ich gerade mein T-Shirt mit dem Spruch “I took the red pill” an.
    Nichtdestotrotz möchte ich vermerken, dass der Ausstieg aus dem Hamsterrad nicht unbedingt immer der Einstieg in die Selbständigkeit sein muss (und das sag ich, obwohl ich selbständig bin). Nicht für jeden ist Selbständigkeit die passende Lebensweise. Wenn man einen erfüllenden Beruf im Angestelltenverhältnis hat, in dem man sich verwirklichen kann und es genießen kann, dass man sich eben nicht um alles selbst kümmern muss, und wenn man 16 Uhr nach Hause kommt, sich ganz seiner Familie widmen kann – und so also glücklich lebt – ist das dann aus deiner Sicht trotzdem Hamsterrad?

    1. hi inna
      was für mich hamsterrad ist, muss es nicht für jemand anderen sein. es geht nur darum, dass viele (wie in der matrix) nicht wissen dass es etwas anderes gibt. und ich bin 100% bei dir, dass selbstständigkeit nicht das patentrezept ist.
      lg m

      1. Neben “Selbständigkeit” und Angestelltenverhältnis gibt es ja
        noch sehr viele andere Möglichkeiten.

        Man kann durch sehr viele Geschäftsmodelle auch “selbst OHNE
        ständig” arbeiten (s. mein Buch ;-) ), Inventor werden und seine
        Erfindungen patentieren/lizensieren, ein Franchise gründen,
        ein MLM gründen, Freelancer sein, Unternehmen gründen und so
        schnell wie möglich verkaufen, Investor sein & finanziell an
        anderen Ideen partizipieren, Künstler oder Musiker werden,
        mit irgendeiner Sportart oder als Schauspieler erfolgreich werden…

        Aus meiner Sicht bedeutet das “Hamsterrad”, in dem sich auch
        in Deutschland noch viele Selbständige freiwillig befinden, dass
        man etwas gezwungenermaßen macht, obwohl man es auch lassen kann.

        Die Menschen, die die “rote Pille” wie im Film Matrix noch nicht
        genommen haben, können sich nicht einmal vorstellen, dass es
        andere Möglichkeiten überhaupt geben soll.

        Ich habe zum Beispiel einigen Bekannten diesen Blog von
        Markus gezeigt – einige von ihnen meinten tatsächlich, “ach, solche
        Blogs machen die doch nur, um uns das Geld aus der Tasche zu
        ziehen….im Internet kann doch jeder lügen und betrügen”.

        Genau sowas ist der Knackpunkt, weshalb Zweifler niemals
        aus dem Hamsterrad ausbrechen können. Wer nicht glaubt, dass
        andere Dinge möglich sind, kann sie nicht einmal sehen.

        Und trotzdem haben die meisten so ein Gefühl…da muss es noch
        etwas anderes geben…irgendwo….. ;-)

  5. Hallo Markus,
    ich lasse mein Hamsterrad noch nebenbei laufen, für die “Sicherheit”. Bin aber voll im Aufbau dieses zu verlassen ♥ Danke das du so viele hilfreiche Tipps hinterlässt :-)

  6. Leider ist das hamsterrad für die Meisten zum Normalfall geworden. Man krabbelt kurz nach der lehre dort rein und wundert sich, wenn man nicht aufpasst, wie das Leben an einem vorbei gegangen ist, wenn man dann nach 40 jahren eventuell wieder raus krabbelt. Für die Einen ist es die Erfüllung, sich in den Pausen sich dann vorm Manupulation TV wieder für die nächste Runde motivieren zu lassen. Andere habe längt resigniert.
    Das Hamsterrad ist schon ein Phänomän worauf ich auch schon auf meiner Webseite eingegangen bin http://www.aus-wandern.de/hamsterrad
    Der Ausstieg funktioniert nur dann, wenn man sich aus dem System ausklinkt. Man muss sich nicht zwingens selbständig machen, nein man muss nur sein eigenes Leben wieder in die Hand nehmen um dadurch seine bestimmung zu finden. Nur wird einem ja das Denken und Handeln verboten, denn wer denkt kann nicht im Hamsterrad seine Runden drehen.

  7. Hi Markus,

    ich bin drauf und dran mein Hamsterrad einzureißen und bin jetzt schon super aufgeregt, negativ UND positiv gesprochen. Ende Oktober habe ich mein Jahresgespräch, wo ich das bekannt geben will. Irgendwelche hilfreichen Tipps für mich, damit ich cool bleibe, wenn ich in diesen neuen Lebensabschnitt übergehe?

    Super Blog ;-)

    1. hi alb
      so ferndiagnosen und tipps sind immer eine schwierige sache und von zu vielen faktoren beeinflusst, dass ich hier nichts wirklich kluges sagen kann. und bevor ich phrasen dresche, halte ich lieber den mund ;-)
      lg m

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