Manche Dinge brauchen einfach Zeit. Es ist nun über ein Jahr her, dass ich den Artikel „Things I’ve quit doing at my desk“ von Justin Jackson gelesen habe. Ein kurzer Artikel, in dem er beschreibt, was er an seinem Schreibtisch nicht mehr tut und dass der Großteil der Tätigkeiten, die wir so umgangssprachlich „arbeiten“ nennen, nicht sitzend an einem Schreibtisch erledigt werden muss. Justin folgt damit einem Trend, der sich in den letzten Jahren durch diverse Webseiten gezogen hat. wie z.B.: Hier, hier, hier oder hier.

Und ich stolperte über diese sensationelle Infografik von den Kollegen von Ergotopia:

Sitzen kann tödlich sein - Infografik zu Bewegungsmangel & übermäßiges Sitzen

Ursprünglich erschienen auf Ergotopia.de

Wenn du kurz Zeit hast, teile es bitte mit deinen Freunden (sie werden dir dankbar sein)!

Das hatte ich mal kapiert, nur handeln dauert noch ein wenig. Ich fand den Gedanken spannend, im Stehen zu arbeiten, und ein wenig rebellisch, aber auch nicht mehr. Ich konnte mich nur lediglich erinnern, dass man immer wieder von „kreativen“ Unternehmen hört, die ihre Meetings im Stehen abhalten, was das Ganze ordentlich effizienter machen soll.

Aber stehen bei der „Arbeit“? Die ganze Zeit? Ja, höhenverstellbare Schreibtische gibt’s schon lange, aber sind wir ehrlich, wer macht das denn? Somit dachte ich bei mir: Lustiger Artikel, der eben durch Originalität viral geworden ist, aber wenig Nutzen oder Mehrwert für mich hat.

Doch irgendwie ging mir das nicht aus dem Sinn.

Ich wusste aus eigener Erfahrung:

Wenn ich kreativ sein will, nachdenke, brainstorme, konzeptioniere, herumspinne, dann muss ich stets aufstehen. Schon in meinen Hamsterrad-Jobs war das so. Bin dann immer doof angesehen worden, wenn alle im Meeting saßen und ich musste zum „Denken“ aufstehen und herumgehen.

Steve Jobs war dafür bekannt, dass er wichtige Entscheidungen immer bei einem gemeinsamen Spaziergang gefällt hat, meistens im Beisein seiner Mitarbeiter, die auch immer wieder die Vorteile gegenüber dem Sitzen hervorgehoben haben.

Denken geht im Sitzen offenbar nicht so gut.

Dann ertappte ich mich dabei, dass ich meine Blogartikel und andere Texte de facto nie am Schreibtisch schreibe, sondern überall sonst: Im Bett, auf der Couch, in Lokalen, im Flugzeug, im Park etc., aber eben nicht am Schreibtisch, was mich sehr in Grübeln brachte.

O.k., du hast ein Arbeitszimmer und da gehört natürlich ein Schreibtisch hin, sonst ist das ja kein Arbeitszimmer. Nur – fragte ich mich immer öfter – was genau tust du dort?

Eigentlich kam ich dahinter, dass ich nur Junk am Schreibtisch mache, nämlich vor allem alles, was unter mehr oder weniger sinnlose Kommunikation fällt, sagen wir mal alles, was mit Facebook, YouTube und anderen Aufschiebe-Orgien zu tun hat, fand bevorzugterweise am Schreibtisch statt.

Ich wurde immer unsicherer. Früher gab’s ja wenigstens das Festnetz-Telefon, aber irgendwie sind uns diese Geräte gemeinsam mit den Kabeln abhanden gekommen.

Aber ein Lichtschein am Ende des Tunnels war zu sehen:

Endlich fand ich eine gute Antwort: Natürlich die Podcasts aufnehmen, weil da gibt’s ja ein Mikrofon und das muss ja irgendwo stehen und mein iPad, das hie und da als Teleprompter fungiert, kann ich ja auch nicht dabei in der Hand halten.

Doch dann erinnerte ich mich an die Zeiten, wo ich Freunde, die als Radiomoderatoren tätig waren, im Studio besucht habe, und da gibt es durchaus Moderatoren, die die ganze Zeit stehen und auch Studios, die auf Stehmoderation eingerichtet sind. Und der ehemalige Ö3-Moderator Christian Anderl (mittlerweile sensationeller Fotograf) erklärte mir, dass Stehen beim Sprechen ohnehin viel besser ist.

Schluss mit Denken, Grübeln & Co. Jetzt wird gehandelt!

Nur ein Stehpult irgendwo in die Wohnung stellen oder zusätzlich ins Arbeitszimmer ist doof. Zum Ausprobieren brauchte ich eine andere Lösung. Ein Laptop-Stativ. Ich machte mich auf die Suche und erkannte: So was ist spottbillig, also ideal zum Ausprobieren.

Das Ding wurde geliefert, war ruck-zuck zusammengebaut und ließ sich auch platzsparend und nahezu unsichtbar aufbewahren. Und nach ca. 30 Minuten und den ersten Blogartikel stehend geschrieben erschien mir das eine echte Alternative. An diesem Abend ging ich mit der Überzeugung ins Bett, nun öfters im Stehen zu schreiben.

Doch dann geschah etwas Eigenwilliges. Im Halbschlaf befindend, sagte mein kleiner Hamsterrad-Rebell (der auf der linken Schulter sitzt und mittlerweile den Hamster-Verteidiger schon lange in die Flucht geschlagen hat) zu mir:

Ein Schreibtisch ist der Inbegriff des 9-to-5-Systems!

Der Schreibtisch ist das ultimative Symbol des Hamsterrades!

Schmeiß das Ding raus! Sofort!

Gedacht, getan.

Um ca 1.30 nachts stand ich auf und begann mit Inbusschlüssel und Schraubendreher meinen Schreibtisch zu demontieren und aus meinem Arbeitszimmer für immer zu verbannen.

Das Ergebnis der Nacht-und-Nebel-Schreibtisch-Entsorgungsaktion:

Mehr Platz, mehr Gesundheit, mehr Freiheit vom alten Hamsterrad-System. Ohne Schreibtisch kann man es sich so richtig gut gehen lassen.

Seit ca. fünf Tagen habe ich umgestellt. Von heute auf morgen. Und mir ist mein Schreibtisch seitdem nicht ein einziges Mal abgegangen. Der einzige Unterschied ist, dass ich mich nicht so erledigt fühle wie nach der ewigen Sitzerei.

Und:

Es stapelt sich nichts mehr. Ich habe zwar wenig Papierkram, aber ich bin dadurch gezwungen, das Zeug entweder abzulegen oder schnellstens zu entsorgen. Versuche mal, einen unaufgeräumten Schreibtisch zu haben, den es nicht gibt. Großartig.

Jedem, der zuhause arbeitet oder seinen Arbeitsplatz flexibel selbst gestalten kann, lege ich eines ans Herz: Kauf dir ein Stehpult oder ein Laptop-Stativ und wirf deinen Schreibtisch raus!

Lass es dir gut gehen!

sig

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Ehrlichkeit das Leben einfach macht.

Zuletzt aktualisiert: 05.06.2016